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Martin K. Halliger

PR-Management / Pressesprecher

Leunas legale Großplantage

MZ 17.06.2022

Simon von Berlepsch zeiht die schwere Metalltür ins Schloss. Der Umkleideraum, in dem der promovierte Biologe nun steht, befindet sich schon in dem 25 Zentimeter dicken Stahlbetonquader, der die Produktionsanlagen von Aurora umgibt. Die stehen mitten auf dem ohnehin schon gut gesicherten Chemiestandort Leuna, weit weg von den Außenzäunen. Und trotzdem ist der Bau zusätzlich mit 700 Sicherheitssensoren versehen. Infrarot - und alle acht Quadratmeter Körperschallsensoren: "Die würden Alarm schlagen, wenn etwa jemand versucht, sich ins Gebäude zu graben", erklärt von Berlepsch. "Es ist ein kleines Fort Knox."

Das liegt an dem, was der Produktionsleiter und seine 19 Kollegen seit Kurzem hier herstellen: medizinisches Cannabis - in Qualität und Mengen, die nicht nur bei Kiffern und Kriminellen Phantasien wecken könnten. Als Medikament ist Cannabis in Deutschland erst seit wenigen Jahren zugelassen. Dass die Blüten, die den Wirkstoff THC enthalten hierzulande angebaut werden, ist gänzlich neu. 2019 hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die bisher einzigen 13 Lose dafür an drei Unternehmen vergeben. Die deutsche Tochter des kanadischen Unternehmens Aurora sicherte sich fünf davon. Sie darf bis 2026 nun jährlich eine Tonne Cannabisblüten herstellen. Nach drei Jahren Bauzeit konnte im Mai die erste Ernte erfolgen.

Da die Pflanzen als Betäubungsmittel gelten, hat das Bundesinstitut Aurora strenge Vorgaben gemacht - vor allem zur Sicherheit. Auch daher sei die Wahl auf Leuna gefallen, sagt Axel Gille, Europapräsident von Aurora. "Wir haben hier einen Supersicherheitsschutz." Außerdem gibt es vor Ort eine Müllverbrennungsanlage. Denn jedes Stückchen der Cannabispflanze, das nicht als Medizin ausgeliefert wird, muss unter Aufsicht vernichtet werden.

Von Berlepsch hat mittlerweile zwei weitere schwere Metalltüren überwunden, sich blaue Überzieher für die Schuhe, einen grünen Overall, Haarnetz und frisch desinfizierte Einweghandschuhe angezogen. Nicht nur Kriminelle sollen vom Eindringen abgehalten werden, auch Pflanzensamen und Schädlinge. "Schon eine einzige trächtige Blattlaus kann eine ganze Produktionslinie gefährden", sagt der Produktionsleiter und verteilt blaue Brillen. Sie schützen vor dem grellen Licht im nächsten Raum. Dort stehen in langen Reihen die Mutterpflanzen. Das Lichtregime im Raum ist so eingestellt, dass sie nicht anfangen, Blüten zu bilden, denn das würde früher oder später zum Absterben führen. Alle 14 Tage trennen Mitarbeiter zehn bis zwölf Stecklinge pro Mutterpflanze ab und stecken sie in Steinwollwürfel, damit sie wurzeln. Klonen heißt dieser Arbeitsschritt im Unternehmen. Indem neue Cannabispflanzen alle von denselben alten abstammen, soll einheitliches Erbgut sichergestellt werden. Denn die Vorgaben des BfArM ans Produkt sind ebenso streng.

Der THC-Gehalt der ausgelieferten Blüten muss zwischen 17,1 und 20,9 Prozent liegen, damit sie beim Patienten die gewünschte Wirkung erzielen. "Haupteinsatzgebiet ist die Schmerztherapie", erklärt Gille. Medizinisches Cannabis finde aber auch bei neurologischen Erkrankungen wie Tourette-Syndrom oder Spastiken oder zur Behandlung von Übelkeit und Appetitlosigkeit im Zuge von Krebstherapien Anwendung. In Kanada würden Ärzte sie auch bei posttraumatischen Behandlungen einsetzen. Dort ist die Pflanze schon länger als Arznei anerkannt. Etwa ein Prozent der Bevölkerung werde dort mit Cannabis behandelt, sagt der Aurora-Europapräsident. In Deutschland seien es bisher etwa 0,1 Prozent.

Nur ein Teil der dafür benötigten Blüten wird bisher im Inland produziert. Den Rest importieren Firmen wie Aurora etwa aus Dänemark und Kanada. Dort würden die Pflanzen teils in Gewächshäusern angebaut, berichtet von Berlepsch. In Leuna sehen sie nur Kunstlicht. So ließe sich Wasser- und Nährstoffzufuhr, CO2-Gehalt in der Luft und Beleuchtung besser standardisieren. Letztere ist sehr wichtig. Über das Licht bekommt die Pflanze das Startsignal, Blüten zu bilden. Das passiert, wenn die gut 1.400 Pflanzen pro Charge gewurzelt und Masse aufgebaut haben. Sie brauchen dann genau zwölf Stunden Licht und zwölf Stunden Dunkelheit, damit die Blütenbildung beginnt.

Von diesem Moment an dauert es noch 53 Tage bis zur Ernte. Von Berlepsch geht voran. Von Raum zu Raum sind die Pflanzen 14 Tage älter. In einem entfernen zwei Mitarbeiterinnen größere Blätter, damit die Schimmelgefahr reduziert wird und tieferliegende Blütenstände Licht bekommen. Die sind im letzten Raum üppig ausgebildet, die Blätter dagegen verdorrt. Montag steht die Ernte an. 40 Kilo Blüten sollen es werden.

Der Produktionsletier zeigt eine Metalltür mit roter Ampel: Das sei die Produktschleuse. Dahinter finde die Verarbeitung statt. Zeigen kann er sie nicht, weil schon die Vorbereitungen für Montag laufen. Aber von Berlepsch erklärt, was dort passiert: "Die Blüten werden getrimmt und anschließend getrocknet." Acht Tage dauere es im Schnitt, bis der Restfeuchtegehalt unter den erlaubten zehn Prozent liegt. Dann würden die Blüten verpackt und von einer Fremdfirma mit einem speziellen Elektronenstrahlverfahren behandelt, um etwaige Schimmelsporen abzutöten. "Das Ziel ist ein quasi steriles Produkt." Dessen Qualität wird noch von einem externen Labor geprüft. Erst dann gehen die Cannabisblüten aus Leuna via Zwischenhändler an die Apotheken.